Als Sprecher der Initiative „Hellwach mit 80 km/h – gegen das Sterben am Stauende" macht Dieter Schäfer seit mehr als sieben Jahren auf die Ursachen von schweren Lkw-Unfällen und ihren Folgen aufmerksam. Sein neuestes Projekt: Ein Präventionssong in mehreren Sprachen.
Was war der Auslöser für „Max Achtzig“ und welches konkrete Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Initiative?
Der Auslöser war ein tragischer Unfall am Rosenmontag 2018 auf der A5 vor dem Walldorfer Kreuz.
Ein 59-jähriger polnischer Lkw-Fahrer prallte ungebremst auf ein Stauende. Vier Menschen verloren ihr Leben, darunter eine ganze Familie; ein 15-jähriges Mädchen überlebte schwer verletzt – sie verlor Mutter, Vater und ihre 14jährige Schwester.
Dieser Unfall war für uns der Wendepunkt. Er machte deutlich, wie schnell ein Moment der Unachtsamkeit oder Müdigkeit alles zerstören kann.
Seither hat sich die Situation insbesondere für die Fahrer verschärft: Mittlerweile sterben mehr als dreimal so viele Lkw-Fahrer wie Pkw-Insassen bei Auffahrunfällen am Stauende.
Hinter diesen Zahlen stehen enorme menschliche Tragödien, aber auch strukturelle Ursachen – Ablenkung, Sekundenschlaf, Zeitdruck, fehlende Ruhezeiten und mangelnde Wertschätzung im Arbeitsalltag.
Aus dem Rosenmontags-Schock heraus entstand unsere Initiative „Hellwach mit 80 km/h“ und die Max-Achtzig-Idee.
Mit dieser Idee wollen wir insbesondere Lkw-Unfälle am Stauende durch kleine, aber wirksame Verhaltensänderungen vermeiden helfen. Grundlage ist eine Selbstverpflichtung zu vorausschauender und rücksichtsvoller Fahrweise, vor allem auf stark befahrenen Autobahnen und im Bereich vor Dauerbaustellen.
Unser Max-Achtzig-Sicherheitsregister umfasst u.a. die gemeinsam mit Berufskraftfahrern erarbeiteten zehn Max-Achtzig-Regeln zur Unfallvermeidung. Damit möchten wir Transportunternehmen ermutigen, sich intern und öffentlich zu einer Kultur der Sicherheit und Verantwortung zu bekennen.
Und obwohl unser Name das vermuten lässt: Es geht uns nicht darum, dass Fahrer starr 80 km/h fahren sollen. „Max Achtzig“ ist ein bewusst gewähltes Wortspiel – es erinnert an die Vorgaben der Straßenverkehrsordnung, steht aber symbolisch für angepasste, rücksichtsvolle Fahrweise.
Unser Ziel ist einfach und klar: Alle sollen gesund wieder nach Hause kommen.
Ein zentraler Baustein unserer Arbeit ist außerdem das Fachbuch „Max Achtzig – 40 Tonnen Verantwortung!“, das als Print- und E-Book in Deutsch, Englisch und Polnisch erhältlich ist. Es ist das erste Lehrbuch, das die Unfallgefahren am Stauende umfassend beschreibt – mit realen Unfallanalysen, psychologischen Hintergründen und praxisnahen Handlungsempfehlungen.
Welche konkreten Maßnahmen haben sich in der Praxis als besonders wirksam erwiesen, um Unfälle am Stauende zu verhindern?
Wir haben gelernt: Wirkliche Sicherheit entsteht durch Bewusstsein, Bildung und Wertschätzung.
Unser Fachbuch „Max Achtzig – 40 Tonnen Verantwortung!“ hat sich als besonders wirksam erwiesen. Es wird in Aus- und Weiterbildung eingesetzt und vermittelt praxisnah, wie Ablenkung, Übermüdung oder psychischer Druck das Unfallrisiko erhöhen. Es sensibilisiert für Verantwortung und Eigenwahrnehmung – zwei Faktoren, die kein Assistenzsystem ersetzen kann.
Ebenso wichtig ist unsere Max-Achtzig-Selbstverpflichtung. Fahrerinnen, Fahrer und Unternehmen bekennen sich darin zu zehn klaren Regeln – von der richtigen Geschwindigkeit über Abstandhalten bis zum bewussten Umgang mit Müdigkeit. Viele Betriebe haben diese Regeln bereits in ihre Fahrerhandbücher integriert.
Dazu kommen unsere Präventionskampagnen: die Leitfigur „Max Achtzig“, unser Präventionssong "Eine Botschaft an Alle - PASS AUF!" Messeauftritte wie auf der NUFAM Karlsruhe – sie alle tragen die Botschaft auf emotionale Weise in die Öffentlichkeit.
Insbesondere der Präventionssong soll neue emotionale Zugänge verschaffen und auch den Liebsten des Fahrers die Gefahren und Risiken näher bringen. Denn "wenn Dein Herz weint, wirst Du Dich verändern!" Wir sprechen deshalb von Emo-Prävention und beschreiten neue Wege.
Und wir schauen auch über das Lenkrad hinaus:
Ein zentraler Teil unserer Arbeit ist die Forderung nach Wertschätzung und sozialer Nachhaltigkeit in der Transportwirtschaft.
Dazu gehören faire Bedingungen und ein menschliches Miteinander an den Laderampen, realistische Zeitfenster, gesicherte Parkplätze und ein respektvoller Umgang mit dem Fahrpersonal. Denn ständiger Stress und ungesunder Schlaf sind Brandbeschleuniger für Sekundenschlaf.
Wer sich respektiert und sicher fühlt, bleibt hellwach – und fährt auch sicherer.
Wo sehen Sie „Max Achtzig“ in fünf Jahren und was wünschen Sie sich von Politik und Wirtschaft zur weiteren Unterstützung?
In fünf Jahren möchten wir, dass die Max-Achtzig-Idee in der Transportbranche so selbstverständlich ist wie das Anlegen des Sicherheitsgurts.
Unser Lehrbuch, unsere Regeln und unsere Haltung sollen fest in der Fahrerqualifizierung verankert sein – als Symbol für Achtsamkeit, Verantwortung und Respekt.
Von der Politik wünschen wir uns, dass Prävention, Bildung und soziale Nachhaltigkeit zusammen gedacht werden:
- Integration unserer Inhalte in die in Anlage 1 der Berufskraftfahrer-Qualifizierungsverordnung vorgeschriebene Fortbildung zur Unfallvermeidung
- Intensivere Beteiligung der Betroffenen bei der Modernisierung von Präventionsprojekten und Schulungen,
- Investitionen in sichere Parkplätze und bessere Pauseninfrastruktur.
Von der Wirtschaft erwarten wir, dass sie Fahrpersonal nicht länger nur als Kostenfaktor, sondern als tragende Säule der Mobilität begreift. Dazu gehören:
- Wertschätzung und faire Behandlung an den Rampen,
- partnerschaftliche Kommunikation mit Speditionen und Verladern,
- und die klare Botschaft: Sicherheit geht vor Zeitdruck.
„Max Achtzig“ ist mehr als ein Projekt – es ist eine Haltung. Und diese soll durch unsere Leitfigur getriggert werden.
Sie steht für Rücksicht, Respekt und Verantwortungsbewusstsein auf unseren Straßen. Wenn wir in fünf Jahren sagen können, dass sich diese Haltung durchgesetzt hat – dass weniger Fahrer am Stauende sterben und mehr Menschen gesund nach Hause kommen –, dann hat sich jede Mühe gelohnt.
